News - Eine Gemeinde ist im Bilde
Im "Mémoire collective audiovisuelle" finden sich kleine Schätze.
Das im Biergercenter untergebrachte Gemeindearchiv umfasst rund 40 000 Fotos und weitere Zeitdokumente des Gemeindelebens. John Allard betreut den Bestand und sorgt dafür, dass unwiederbringliche Erinnerungsstücke erhalten bleiben, aber auch wichtige, aktuelle Ereignisse in das Archiv aufgenommen werden.
Die Geschichte wartet in der Schublade. Wer im Archiv einen Blick in die Schränke wirft, geht auf eine Zeitreise. Die Anfänge des "Mémoire collective audiovisuelle" liegen in den 1980er Jahren. Unter Bürgermeisterin Erna Hennicot-Schoepges wuchs die Idee, das Gemeindeleben zu dokumentieren. Doch es fehlte noch jemand, der sich um die notwendige Aufbauarbeit kümmern konnte, jemand, der die Liebe zum Foto mitbrachte. Kurzerhand wurde der Fotograf Roger Christophe gefragt. In der Gemeinde war er schließlich schon lange gut bekannt, hatte er doch unzählige, lokale Ereignisse mit seiner Kamera begleitet.
Der heute 87-Jährige erzählt mit leuchtenden Augen von den Fotoreportagen, die er einst auf Zelluloid gebannt hat. So wie unter anderem die großformatigen Schwarz-weiß-Aufnahmen, die die Arbeit in der ehemaligen Gipsmine dokumentieren. Entstanden sind sie Anfang der 1980er Jahre, kurz vor Einstellung der Gipsproduktion in Walferdingen. Auf den Bildern werden die schwer beladenen Loren mühsam über die Gleise geschoben, für einen Moment erscheinen sie wieder: die Gesichter der Arbeiter, die fahl beleuchteten Gänge. Die Zeit der Gipsmine – ein vergangenes Kapitel. "Aber bis ins kleinste Detail festgehalten", wie Roger Christophe betont. Sorgfalt ist schließlich Chronistenpflicht. Und hinter den Bildern stecken Geschichten. Roger Christophe deutet auf eines der Fotos. "An dieser Gipsfabrik sind die Kinder immer auf ihrem Schulweg vorbei gekommen. Da standen dann säuberlich aneinandergereiht die fertigen Gipsplatten." Es lässt sich erahnen: Säuberlich aufgereihte Gipsplatten sind eine kaum widerstehbare Versuchung für kleine Forscher. Ein kräftiger Schubs und das überdimensionale Dominospiel kam ins Wanken und stürzte zusammen, lacht Roger Christophe. "Beim zweiten Mal kam dann allerdings die Polizei in die Schule."
Sich der Herausforderung der Archivierung zu stellen, war für Roger Christophe selbstverständlich. "Ich bin damals gerade in Rente gegangen und diese neue Aufgabe war genau das, was ich suchte", erinnert er sich. Roger Christophe hat das Archiv aufgebaut und ein Klassifizierungssystem eingeführt. Die Gemeinde muss schließlich im Bilde über ihre Geschichte sein – und gezielt Material wiederfinden können.
Auch heute noch werden die wichtigen Ereignisse des Gemeindelebens sorgfältig dokumentiert. Ob Jubiläen, religiöse Feste oder Empfänge – die Fotos und passenden Erklärungstexte sorgen dafür, dass aus Moment-Aufnahmen ein Gedächtnis aus tausenden Mosaik teilen wird.
Vieles hat sich im Laufe der Zeit geändert. Säuberlich per Hand verfasste Bögen wichen nach und nach elektronischen Archiviermethoden. "Das Walferdinger Mémoire collective audiovisuelle war eines der ersten Gemeindearchive im Land, das die Zusammenarbeit mit dem Centre National de l'Audiovisuel gesucht hat. So ist auch eine weitflächigere Verbreitung über die Gemeindeebene hinaus möglich", erklärt John Allard.
Er hat 2003 das Archiv von Roger Christophe übernommen. Für die Gemeinde hatte er viele Jahre als Beamter gearbeitet. "Da kennt man natürlich zahlreiche Leute und es ist naheliegend sich auch im Ruhestand weiter zu engagieren – und die Arbeit macht mir viel Freude", berichtet er. Einige der ältesten Fotos stammen aus der Sammlung von Emile Schmit, die dem Archiv zur Verfügung gestellt wurden. Das Album beinhaltet unter anderem Zeugnisse aus dem Jahr 1944, aus der Zeit der Befreiung. So ist beispielsweise die Sprengung der Brücke über die Alzette und ihr Wiederaufbau durch die Amerikaner in einer Bildserie dokumentiert.
Solch ernste Kapitel der Gemeindegeschichte, aber auch bunte Episoden bilden den vielfältigen Bestand des Archives. Einige Bilder zeigen Orte, die es heute so gar nicht mehr gibt. Wie das "Kannerparadies" aus den 1960er Jahren, das einst ein beliebter Treffpunkt mit vielen Spielmöglichkeiten gewesen ist, oder die 1980 aus Matten angelegte Trocken-Skipiste auf einem kleinen Hügel, die sogar der bekannte Skifahrer Marc Girardelli getestet hat.
Die Gemeinde und ihre Einwohner können jederzeit auf die gesammelten Erinnerungsstücke zurückgreifen. Der Blick in die Vergangenheit ist besonders dann gefragt, wenn Vereine Jubiläen feiern, oder historische Vorträge stattfinden, erklärt John Allard. Auch bei Ereignissen wie der Restaurierung der Pfarrkirche oder der Maison Dufaing wird im Archiv gerne nachgeforscht. Wie sah unsere Gemeinde früher aus? – eine Frage, die auf Interesse stößt, wie John Allard zu berichten weiß. "Wer alte Fotos hat und sich vorstellen könnte, diese dem Archiv zur Verfügung zu stellen, ist herzlich eingeladen sich bei der Gemeindeverwaltung zu melden", betont er. "Wir möchten diese Bilder für die Nachwelt erhalten", sagt der 67-Jährige. Bilder, die Erinnerungen auffrischen, die sonst wohl schon längst verblasst wären.


